Stille

Eine Spielidee, die ich von meiner Praktikantin lernen durfte, zeigte in der Praxis erstaunliche Unterschiede in der Arbeit mit psychiatrischen und psychosomatischen Menschen. Hierbei kommt der personifizierten Stille i.S. einer Person, die nicht spielt eine besondere Rolle zu.Die Teilnehmer sitzen im Kreis, alle haben sich ein Instrument ausgesucht, bis auf ein Teilnehmer, der ohne Instrument dabei sitzt und die Stille spielt.

In der darauf folgenden freien Improvisation spielen die Teilnehmer mit dem Auftrag, darauf zu achten, ob sie die Stille bzw. die Person, welche die Stille repräsentiert, wahrnehmen können.
Nach der Improvisation und kurze Reflexion, auch darüber, wie es der „Stille“ ging, wechselt der Kreis und ein neuer Teilnehmer spielt die Stille.

Diese Spielidee wurde zuerst in einer Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie ausprobiert, wo sich vorrangig Menschen mit einem höheren Level an Introspektionsfähigkeit und weniger starkem akutem Leidensdruck (und keiner akuten Suizidalität) befanden. Erstaunlicherweise gelang es den Teilnehmern im Verlauf der Therapiestunde immer besser, die Person wahrzunehmen, welche die Stille repräsentierte und diese als integralen Bestandteil der gemeinsamen Improvisation zu erleben.
Patienten dieser Klinik legen häufig einen großen Wert auf die positive und aktive Gestaltung einer Patientengemeinschaft, vielleicht bildet sich genau dieser Blickwinkel auch hier ab. Spannender jedoch als der Fokus auf ein Miteinander, dass Niemanden zurücklässt (möglicherweise aus eigener Erfahrung des Zurückgelassenseins) war für mich jedoch der individuelle Unterschied in der Präsenz der „stillen“ Teilnehmer und deren Wahrnehmung in der Gruppe.
Je präsenter ein „stiller“ Teilnehmer die Gruppe wahrnahm, desto besser wurde er im Umkehrschluss beachtet. Die Wahrnehmungen dieser „Stillen“ begrenzten sich jedoch auf ein aktives Zuhören und Zuschauen, beides Modi, die im musikalischen Prozess bislang wenig Beachtung finden, die Musik jedoch offensichtlich sehr stark beeinflussen.
Es wurde hier wieder einmal deutlich, dass die Kunst ohne den Betrachter keine Kunst sein kann.
Die Teilnehmer hier profitierten von der Spielidee als Übung in Präsenz und als Feststellung, dass bereits ihre Anwesenheit wertgeschätzt wird und starken Einfluss auf eine Gruppe hat.

Eine Wiederholung dieser Spielidee in einer Gruppe mit Menschen aus einer Akutpsychiatrie lieferte hingegen ernüchternde Ergebnisse. Die Teilnehmer dieser Einrichtung hatten offensichtlich große Schwierigkeiten, ohne aktiv mitzuspielen präsent zu bleiben. Zu stark schienen Gedanken und Symptome sich in den Vordergrund drängen zu wollen, wenn sie selbst keine Möglichkeit hatten, sich selbst aktiv daran zu hindern, abzuschweifen.
Auch die Rückmeldung der spielenden Teilnehmer zeigte auf, wie sehr diese mit ihrem Instrument (als Sinnbild für die Beschäftigung mit sich selbst) und bestenfalls mit ihrem tönenden Nachbarn (als Sinnbild für das direkte soziale Umfeld) verbunden waren und wie wenig es Ihnen gelang, die gesamte Gruppe inklusive der „Stille“ wahrzunehmen. Ein Gefühl der Unverbundenheit zeigte sich hier in dieser Stunde. Diese Unverbundenheit erlebe ich häufig bei Patienten mit starkem Störungsbild, als wäre eben die Verbundenheit ein Faktor für Resilienz.

Weiterführende Übungen könnten den hier festgestellten Zusammenhang von Stille, Präsenz, Verbundenheitsgefühl und Resilienz vertiefen, wie es beispielsweise in Achtsamkeitsfokussierten Therapieformen (Kabatt-Zinn et al.) praktiziert wird.

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