Lampenfieber – und was uns die Angst sagen will!

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Manchmal geschehen Musiktherapie-Stunden, ohne aktiv zu musizieren. Manchmal ist es sinnvoller, den Themen der Gruppe zu folgen, wenngleich sich daraus kein ergiebiges musikalisches Spiel ergibt.
Aus einem intensiven Gespräch in einer Gruppentherapie, bei der sich die Teilnehmer aktiv beteiligten, ist folgendes Konstrukt entstanden:
Unruhe, Anspannung, das sollte das Thema heute sein, so wünschten es sich die Teilnehmer einer musiktherpeutischen Sitzung. Auf der Suche nach dem, was musiktherapeutisch umsetzbar ist, entstand ein intensives Gespräch. Für die Teilnehmer stand unzweifelhaft fest, dass Angst oder Schmerz die Ursache von Anspannung sei.

Archetypisch ganz sinnvoll, bei Angst alle Ressourcen zu aktivieren, hemmt uns jedoch die Anspannung heutzutage, wenn es in brenzligen Situationen darauf angekommen wäre, einen klaren Kopf zu bewahren und souveräne Entscheidungen zu treffen.

Das Bild des Bärs in der Höhle ist ein griffiges, wenn es darum geht, verständlich zu machen, dass diese Gattung Mensch eine höhere Überlebenschance hatte, die es schaffte, in einer solchen Situation alle Ressourcen zu aktivieren (in die Spannung zu kommen) und schnell zu handeln.

Musiker kennen dieses Phänomen, häufig vor einem Konzert, bekannt als das Lampenfieber, das alle Reserven bereithält, um sich der Herausforderung zu stellen, um mit all seinen Kräften das Konzert bestmöglich zu bestreiten.

Im Studium hatte ich einen Professor, der bei einem seiner Konzerte ein Phänomen beschrieb, das ihm kurz zuvor selbst unterlaufen war: In schwierigen Teilen der Stücke, die er spielte, war er ganz präsent, auch aufgeregt. Diese Teile spielte er konzentriert, aufmerksam und fehlerfrei. Die leichten Teile jedoch spielte er gekonnt, locker und baute hier tatsächlich ungewollte Fehler ein, da er hier nicht das erforderliche Maß an Aufmerkamkeit und Anspannung hatte.

Die Aufgabe von Anspannung also ist die Schaffng von entsprechender Kraft, um die vermutete Bedrohung zu meistern, ganz gleich, ob die Bedrohung nun durch Angst oder durch Schmerz wahrgenommen wird.

Die Psychologie hat als Lösungswege für die Anspannung (bleiben wir beim Bild des Bärs in der Höhle) 3 Verhaltensweisen ausgemacht: flight, fight oder freeze, zu deutsch Angriff, Flucht oder Totstellreflex.

Im Gespräch mit den Teilnehmern verschiedener Gruppen viel auf, dass der Reflex Flucht als gutes Lösungsmuster häufiger zu Sprache kam als der Angriff. Zusammenhänge mit grundsätzlichen Lebenseinstellungen drängten sich hier auf. Die Flucht (im Bild des Bärens) scheint die ultimative Lösung einer schwierigen Aufgabe zu sein.

Ich verwende in solchen Situationen gerne das Bild der heißen Herdplatte, auf dem die Hand liegt. Bedrohliche Situation, bei der die vielen passiven Fluchtmechanismen schnell ad absurdum geführt werden können: Es ist devinitiv keine gute Idee, jetzt nach einer Schmerzmedikation zu fragen, Entspannungsmusik zu hören, sich mit Musiktherapie abzulenken, progressive Muskelentspannung zu praktizieren, oder ähnliches um sich abzulenken. Funktioniert zwar, ist jedoch nicht effektiv und auch nicht der Situation angemessen.

Die Anspannung der Hand auf der heißen Herdplatte, das Signal des Schmerzes im Hirn will, dass man genau hinschaut, der Ursache des Schmerzes auf den Grund geht und etwas daran ändert, um die Unversehrtheit seiner Hand zu sichern.

Die 3 Lösungsstrategien fight, flight, freeze scheinen häufig auf der individuellen Einschätzung zu basieren, wie groß und mächtig die Bedrohung im Verhältnis zu meinen Ressourcen steht. Je weniger Bedrohlich, desto eher gehe ich in den Angriff, je übermächtiger ich die Situation einschätze (und umso weniger ich mir selbst eine Chance einräume) desto eher flüchte ich oder stelle mich tot als ultima ratio.

In der Situation von Unruhe als festgefahrene, fast gar chronifizierte Anspannung findet sich keine adäquate und lösende Strategie. Hier ist es Zeit, die bisherigen Muster zu hinterfragen hinsichtlich der individuellen Einschätzung der Situation.

  • Schätze ich die Situation vielleicht als sehr bedrohlich ein und bleibe deshalb Handlungsunfähig? Wie könnte ich dies ändern? (Siehe Spannungskurve der Angst im verhaltenstherapeutischen Übe-Modus durch Angst-Exposition)
  • Kann kann ich die Bedrohlichkeit etwas entschärfen? Bei Angst vor dem allein zuhause übernachten vielleicht erst einmal einen Abend dort zu verbringen?
  • Kann ich meine Selbsteinschätzung hinsichtlich der Bewältigung der Situation ändern?  (Dieser Gedanke schien den Teilnehmern am schwersten zu fallen)
  • Kann ich mich stärker machen? Durch Freunde, Bekannte, durch entsprechende Vorbereitung

Eine weitere Möglichkeit, um mit der Übermacht der Angst umzugehen habe ich aus dem Buch Buddhismus und Psychotherapie, in dem der Autor beschreibt, dass die Identifikation mit den Emotionen häufig dazu führt, dass man sich diesen hilflos ausgeliefert fühlt. Eine Distanzierungsübung daraus ist es, sich zu verdeutlichen, dass wir Emotionen haben und nicht Emotionen sind – ich habe Angst, nicht icht bin die Angst (oder bin ängstlich) und diese Angst als nicht zu einem selbst gehörig zu beobachten und sich hierdurch der Macht, die diese Angst hat, zu entledigen.

Letzten Endes bleibt dem Musiker nichts anderes übrig, als sich immer wieder der Situation des Lampenfiebers zu stellen und zu erleben, dass man nicht trotz dieser Angst, sondern genau deswegen fähig ist, die Erfordernisse des Alltags zu bewältigen.

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