Basisemotionen – musikalisch neu entdeckt!

P1150331.JPGDiese Spielidee mit psychoedukativem Charakter stärkt die emotionale Flexibilität und macht die Basisemotionen nach Paul Ekman fühlbar und spürbar.

Spielidee

Die Teilnehmer erarbeiten gemeinsam die 7 Basisemotionen Angst, Wut/Ärger, Traurigkeit, Freude, Ekel, Überraschung und Verachtung.

Diese werden dann auf verschiedenen Zetteln ausgelegt und besprochen. Vor allem hinsichtlich der Bewertung (gute und schlechte Emotionen), der Funktion und des körperlichen Ausdrucks gibt es in der Regel viel Gesprächs- und Erklärungsbedarf (siehe unten).

Da von den 7 Basisemotionen nur 4 musikalisch eindeutig bestimmbar sind (Ekel, Überraschung und Verachtung sind im musikalischen Ausdruck schwer zu erkennen und auch schwer von anderen Emotionen abzugrenzen), lege ich diese weg und frage die Teilnehmer, in welcher Reihenfolge sie die Basisemotionen spielen möchten.

Zumeist taucht folgende Reihenfolge auf (die, wie später noch beschrieben wird, sehr sinnvoll ist): Trauer, Angst, Wut, Freude.
Dann suchen sich die Teilnehmer für die Emotionen ein Instrument aus und spielen diese Emotionen gemeinsam nacheinander durch. Es hat sich hierbei bewährt, die Instrumente nicht im Vorfeld zu wählen, da sonst vielleicht Instrumente belegt sein könnten, die ein anderer Teilnehmer für eine andere Emotion gewählt hätte.

Nach dem Durchspielen der Emotionen gehen wir nocheinmal ins Gespräch, wobei sich folgende Fragestellungen als sehr fruchtbar erwiesen haben:

– Haben wir die Emotionen passend gespielt? was würden wir anders/können wir besser machen?

– Welche Emotion fiel den Teilnehmern besonders leicht/schwer?

– Worin lag in welcher Emotion der Fokus (Ausdruck der Befindlichkeit, Ausdruck der Situation, etc.)?

– Wie gestaltete sich in den einzelnen Emotionen die Interaktion (Stellenwert des Miteinanders, Gefühl von Verbundenheit oder Alleinsein, Bedürftigkeit von Verbundenheit oder Alleinsein)?

– Inwieweit lässt sich von der individuellen Spielweise und der Erkenntnisse aus o.g. Fragen ein Transfer auf den Lebensalltag der Teilnehmer ziehen? Gibt es Parallelen/Gegensätze?

Funktion und Ausdruck der Basisemotionen

Trauer

Die Teilnehmer betonen hinsichtlich der Trauer häufig die Funktion der Wertschätzung des Vergangen und des Abschiedsnehmens. Der interaktionelle Anteil des gemeinsamen Trauerns, auch der appellative Charakter von Tränen („tröste mich!“) hingegen ist vielen nicht bewusst.
Im Ausdruck ist die Traurigkeit bezogen auf die anderen Emotionen der mit dem geringsten Erregungszustand, häufig ja auch verbunden mit der Empfindung von Schwäche.
Intensive Auseinandersetzung mit der Traurigkeit bietet sich Kübler-Ross mit ihrem Konzept der Sterbephasen (hier angewandt als Trauer über den Abschied aus dem Leben) an, in denen eigentlich alle Emotionen beinhaltet sind.

Angst

Im aktuellen Diskurs um die sog. „Horrorclowns“, die mit brachialen Mitteln Menschen im öffentlichen Raum in Angst und Schrecken versetzen (Stichwort „pranks“) zeigte in einem letztlich veröffentlichten Artikel bezüglich der Angst und deren Funktion etwas auf: Man kann die Horrorclowns, wenn sie Menschen in Todesangst versetzen, wegen Körperverletzung anklagen, auch wenn diese keinerlei körperlichen Schaden zugefügt haben. Angst und das Erleben von Schmerz wird neurobiologisch gleich verarbeitet. Insofern hat die Angst die selbe Funktion wie der Schmerz (der Hand auf der heißen Herdplatte) und sagt – „schau hin!, pass auf!, da ist etwas gefährliches!, ändere etwas!!“ Es ist natürlich gut möglich, mit Hilfe von Medikamenten, Therapien, (ja sogar mit Musiktherapie…) diese Emotion abzustellen, aber der Vergleich mit der Hand auf der heißen Herdplatte legt schnell nahe, dass der Weisheit letzter Schluss nicht sein kann, die Hand dort liegen zu lassen und den Schmerz diesbezüglich einfach auszuschalten.

Im Ausdruck (geweitete Augen, offener Mund) zeigt Angst die größtmögliche Wahrnehmungsfähigkeit, um auf alle Fälle gewappnet zu sein. Mit dem wortwörtlichen „Schiss“ (i.S.v. Durchfall) entledigt sich der Körper aller überflüssiger Aufgaben und macht sich bereit für den Ernstfall.

Musiker insbesondere können, wie viele Künstler sicherlich auch, von der besonderen Kraft des Lampenfiebers berichten, die es ihnen ermöglicht, auf der Bühne zu außergewöhnlichen Leistungen fähig zu sein. Eine positive Auswirkung von Angst.

Wut/Ärger

Für viele weibliche Teilnehmer mit etwas fortgeschrittenem Alter ist die Wut und die Aggression etwas, das ihnen sehr fremd ist. Die Funktion des „ich setze mich zur Wehr!“, „ich setze meine eigen Bedürfnisse durch!“ wird von ihnen häufig durch andere Emotionen ersetzt, mit mehr oder weniger großem Erfolg.

Auffällig ist auch, dass Aggression häufig negativ besetzt ist und mit Zerstörung gleichgesetzt wird, dabei steht der Begriff aggregere (ists griechisch?) für nichts anderes als Bewegung, deutlich wird dies am physikalischen Begriff Aggregatszustand, der die Bewegtheit der Atome und damit deren physischen Zustand beschreibt (gasförmig, flüssig, fest).

Wo wir schon bei den Worten sind – Agg-ression und Dep-ression scheinen zwei Gegenpole zu sein, ein Wortstamm mit zwei unterschiedlichen Präfixen. Als wäre die Aggression die Antwort auf die Depression, als wäre die Heilung von der Depression die Aggression. Tatsächlich begegnen mir in der Arbeit mit Menschen mit depressiver Diagnose immer wieder Geschichten von früh erlebter Hilflosigkeit und Unterdrückung, wenn sie versuchten, Aggression auslebten (beispielsweise durch ein cholerisches Elternteil).

Aggression zeigt sich (nicht nur beim Menschen) in einer bedrohlichen und als gefährlich wahrgenommen Haltung, ein Gesichtsausdruck, der aufzeigt – „ich kann dir wehtun!“.
Die Teilnehmer berichten darüber hinaus häufig davon, dass die Wut ihnen die Möglichkeit gibt, sich und ihre aufgestaute Energie zu entlasten.

Freude

Die soziale Funktion von Freude wird im Zusammenspiel stets deutlich, wenn in allen anderen „Emotions“-Stücken nebeneinander her gespielt wird, so veruschen die Teilnehmer zumeist, in diesem Stück miteinander in einen gemeinsamen Puls zu kommen, spielen dialogisch oder gar identisch. Freude scheint untrennbar mit der Gemeinschaft verbunden zu sein.

Der Ausdruck des Lächelns mit den gebleckten Zähnen ist ein Alleinstellungsmerkmal des Menschen, Tiere, die ihre Zähne zeigen, deuten damit eher weniger ihre Freude an, sondern viel eher Bedrohung, man denke nur an die gebeleckten Zähne eines knurrenden Hundes im Angesicht des Postboten.

Die Freude ist wie das Gähnen ein hoch ansteckendes Phänomen und löst damit ein Gefühl von Nähe und Zusammengehörigkeit aus.

Die Reihenfolge

Die Traurigkeit trägt in sich den geringsten Energielevel und wird am häufigsten als erstes gewählt. Vielleicht hat das auch etwas damit zu tun, dass die Trauer als Emotion häufig die unbeliebteste ist. Aber für mich macht es Sinn, mit der Traurigkeit zu beginnen, denn sie löst häufig die Freude ab (als Emotion, die sich mit der Trennung, dem Abschied, dem Verlust beschäftigt) und in einem Bild des emotionalen Kreislaufs passt sie somit gut auf die Freude (die häufig als letzte Emotion gewählt wird, damit man guter Laune aus der Therapie herausgeht).

Nach der Traurigkeit kommt die Angst, die im Verhältnis zur Trauer zwar ebenso starr ist, jedoch eine im Innern sich anstauende Energie hat. Körperliche Darstellung von Angst ist oft von einer großen Kraft geprägt, die sich nicht nach außen ausdehnen darf (Arme vor den Bruskorb, Hände zur Faust geballt, Zähne zusammengebissen, etc.).
Als würde aus der Traurigkeit die Angst erwachsen, dass sich nie wieder etwas bessern könne, wird die Angst zum energetischen Motor für die Veränderung.

Die Wut hingegen ist die nach außen gerichtete Energie, die sich Raum verschafft, die sich durchsetzt und Veränderung mit aller Kraft durchsetzt.

Wenn diese Energie bleibt, das Zerstörerische jedoch seinen Raum genomme hat und somit überflüssig geworden ist, bleibt die positive Kraft, die Energie der Freude. Das wird immer wieder deutlich, wenn wir in der Musik die Wut spielen – die Entladung führt immer wieder am Ende zum gemeinsamen Lachen.

Und was kann es Schöneres geben, als eine Musiktherapie-Stunde mit einem gemeinsamen herzlichen Lachen zu beenden und festzustellen, dass man mit seinen Wölfen, den Emotionen, gut Freund sein kann und in all seinen Facetten das Leben auskosten kann.

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