Der Diamant des Ichs

p1150292_verandertEine schöne Spielidee, die sich sehr weit weg vom musikalischen bewegt und sich tief in die Ebene der Psychotherapie wagt, ist die folgende. Hierbei werden die verschiedenen Anteile des Ichs dargestellt und musikalisch aufgearbeitet.

Zumeist beginne ich mit der Beschreibung dessen, was ich mit den „Ichs“ meine – gerne auch mit dem Beispiel, dass das therapeutische Ich hier seine gute Funktion hat, damit erwecke ich den Anschein, professioneller Therapeut zu sein, der auch musikalisch etwas drauf hat. Wenn dieses „Therapeuten-Ich“ jedoch im Zug auf einen Kontolleur trifft, der dadurch bei seinem „Patienten-Ich“ (vielleicht durch einen stationären Aufenthalt entstanden) angesprochen wird, kann es passieren, dass der Kontrolleur statt seiner Arbeit nachzukommen und die Fahrkarten zu kontrollieren, in ein therapeutisches Gespräch mit mir geht und die nächste Stunde mit mir sitzend verbringt. So geschehen vor etwa einem Jahr auf dem Nachhauseweg von der Arbeit.

Es fällt auf, dass diese verschiedenen Ichs stets einen sozialen Kontext haben, eine Notwendigkeit, in der sie entstanden und gewachsen sind. Die Notwendigkeit eines „Vater-Ichs“ ist entstanden, als ich ein Kind, das ganz offensichtlich mein eigenes war, in meinen Armen hielt und dass sich vertrauensvoll an mich schmiegte.Im Laufe der Jahre hat sich dieses sich erlich immer wieder verändert und an die Gegebenheiten eines sich entwickelnden Kindes und den entsprechenden Anforderungen orientiert.

So funkelt das Ich wie ein Diamant, je nachdem welches soziale „Licht“ durch ihn hindurchströmt, ganz anders und bleibt doch Ich.

Als ergebnisoffene Aufstellung wähle ich gerne die Methode des Psychodramas aus, weil sich daraus eine Menge Erkenntnisse gewinnen lassen. Hierfür gehe ich wie folgt vor:

1. Die Teilnehmer berichten von ihren verschiedenen Ich-Anteilen.

2. Ein Teilnehmer wird ausgewählt (unter dem Duktus der Freiwilligkeit – der, der nicht will, muss nicht) und beschreibt nacheinander seine Ichs.

3. Jedes Ich wird hierbei mit einem Instrument dargestellt, das der Teilnehmer in entsprechend passender Weise vorspielt, im Raum aufstellt und einem anderen Teilnehmer zuordnet (wieder unter der Prämisse der Freiwilligkeit, wenn er nicht will, muss ein anderer Teilnehmer ausgewählt werden).

4. Der andere Teilnehmer versucht nun, diese Rolle möglichst gut auszufüllen,  wird hierbei von dem ersten Teilnehmer korrigiert und ergänzt, bis es passt.

5. Wenn alle wichtigen Rollen verteilt sind, wird eine Reihenfolge ausgedacht, die sich nach der Wichtigkeit orientieren kann, vielleicht auch einen bestimmten Verlauf darstellt (Tageslauf, oder in bestimmten Situationen) oder entsprechend der Passung zusammen oder getrennt spielen.

6. Nach einem Durchspiel, ggf. Korrektur des ersten Teilnehmers und einem korrekten Spiel darf dieser Teilnehmer sich zurücklehnen und zuhören. Jetzt ist es Zeit für die anderen Teilnehmer entsprechende Übertragungsprozesse und darin innewohnende Spannungen auch zwischen den Anteilen zu beschreiben.

7. Hierfür wählt Moreno (Psychodrama) ein Schema, dass er die Teilnehmer zuerst ein Sharing geben lässt (nach der Frage „was hat das mit Mir zu tun?, woher kenne ich das?“) um Gegenübertragungsprozesse (i.S.v. welcher Anteil der Übertragung hat etwas mit dem ersten Teilnehmer zu tun, und welcher Anteil eher etwas mit meiner eigenen Geschichte?) aufzudecken.

8. Danach dürfen die Spieler aus ihren Rollen berichten, wie sie sich dabei gefühlt haben, wie es ihnen ging und welche Dynamiken sie erlebt hatten. Wichtig sind hierbei auch die sog. Zuschauer, diejenigen, die keine Rolle übernommen haben, denn sie können eine ganz andere Sichtweise einbringen – die Sicht von Außen.

9. Zuletzt dürfen alle Teilnehmer der Gruppe ein allgemeines Feedback geben mit Mitteilungen, die in dem bislang sehr eng gesetzten Schema keinen Platz gehabt haben.

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