Entspannungsmusik, selbst gemacht!

p1150298Analog zu dem Modell der Flexibilisierung der Schmerzwahrnehmung arbeite ich mit Teilnehmern gerne an einem Wohlfühlbild. Im aktuellen Fall gab es eine Teilnehmerin, deren musikalische Interpretation des Wohlfühlbilds so stark war, dass der Wunsch entstand, diese Musik für sich zu behalten. Auf welche Weise dies entstanden ist, beleuchtet dieser Beitrag.

In verschiedenen einzeltherapeutischen Sitzungen konnte die Teilnehmern ihr ideales Wohlfühlbild konkretisieren und musikalisch gestalten. Was zuerst eher unkonkret und diffus war, wurde im Verlauf stets deutlicher und die Teilnehmerin konnte bald sehr genau benennen, was wie auszusehen hatte, welcher Klang für was stand und wie dies musikalisch umzusetzen war. Selbst konkrete Spiel-Art-Anweisungen hatte sie sich überlegt („Spiel die Meerestrommel auf dem Stuhl liegend, dann wird sie nicht so schwer und man kann währenddessen noch das Monochord spielen“).

Das Bild sah am Ende folgendermaßen aus:

Weißer Sandstrand, warmes Meer, leichte Brise, früher Nachmittag. Keine Tiere, keine Pflanzen, wenig Menschen. Insgesamt eine ruhige und entspannte Atmosphäre.

Gespielt wurde das ganze durch die Ocean-Drum, dem Monochord, dem Metallophon und einer Gitarre, sanft, leise, ohne große Veränderungen in Lautstärke und Tempo.

In der letzten Gruppentherapie wurde diese Musik dann von den Teilnehmern der Gruppe gemeinsam gespielt und aufgenommen. Hierfür war es erneut nötig, dass die Teilnehmerin, die Urheberin dieses Wohlfühlbildes war, der Gruppe erneut genau erläuterte, wie sie sich dieses vorstellt und wie es zu spielen sei. Dadurch erreichte sie bereits eine erneute Vertiefung des Bilds und konnte dieses Bild bereits dadurch aktivieren, dass sie es beschreib. Ähnlich ist es doch, wenn man vom Urlaub berichtet, dabei Bilder zeigt und die dazu gehörige Musik spielt, das dortige Essen noch einmal dabei hat, dass sid das dazu gehörige Lebensgefühl fast automatisch einstellt.

Die Gruppe versuchte sich dann in der musikalischen Interpretation dieses Wohlfühlbildes, wobei die Verteilung der Instrumente der Teilnehmerin oblag. Auch sollte sie diese entsprechend einweisen, was ihr gut gelang und nach dem Spiel Rückmeldung geben, inwieweit hier oder dort noch Verbesserungen möglich wären. Dies viel ihr offensichtlich schwerer.
Vorstellbar ist es, dass die massive Zuwendung durch die Gruppe, das sich weit öffnen für die Gruppe und das Für-Spiel sie etwas in Bedrängnis brachte.

Ursprünglich als kurze Intervention („Wir spielen das mal kurz ein“) gedacht, nahm diese Spielidee doch über eine Stunde in Anspruch. Nach dem ersten Spiel wurde dieses Bild von den Teilnehmern besprochen und reflektiert, wobei auffiel, wie sehr die anderen Teilnehmer auch  von diesem Bild profitierten. In musikalischen Wunsch-Reisen taucht dieses Strand-Insel-Palmen-Bild in Variationen immer wieder auf, vielleicht ist dies eins der Ur-Entspannungsbilder (oder vielleicht auch einfach gesellschaftlich durch Werbung und Film geprägt?).

Die Aufnahme mit einem Stereo-Recorder gestaltete sich nicht ganz einfach, da erst der Aufnahmepegel reguliert werden musste und dafür das Stück erneut angespielt wurde. Ebenfalls musste das Mikrofon an einem günstigen Ort im Raum aufgestellt werden, um  ein optimales Klangerlebnis zu ermöglichen, v.a. da die Nähe zum Mikrofon ja die Lautstärke sehr stark  beeinflusst. Mir war es wichtig, dass die Teilnehmerin, für die dieses Stück gedacht war, selbst den Aufnahme-Regler bedient, so musste ich sie in die Bedienung dieser oft komplex gehaltenen Geräte einweisen.

Die erste Aufnahme ist dann prompt auch nicht gelungen. Dies lag schlicht daran, dass ich während der technischen Einführung die Aufnahme bereits gestartet hatte und die Teilnehmerin diese dann vermeintlich erneut startete, tatsächlich aber dadurch erst stoppte.

Die zweite Aufnahme nutzten wir dann, um abzusichern, dass in den  Sekunden nach Beginn und vor dem Ende der Aufnahme Stille herrschte, um ein möglichst sauberes Klangerlebnis zu ermöglichen.

Wir spielten in etwa 7 Minuten, für ein modernes Stück aus der Unterhaltungsindustrie sehr lang, für den Musiktherapie-kundigen ein Zeitraum, in dem musikalisch und auch emotional viel Entwicklung stattfinden kann. Als Entspannungsmusik eher kurz, so dass die Teilnehmerin darum bat, ihr dieses Stück mehrfach auf ihre CD zu brennen, damit sie diese Musik mehrfach hintereinander anhören könne.

Wir hörten im Anschluss unsere Musik gemeinsam an. Hierbei fiel auf, dass sich die Instrumente teilweise ganz anders anhörten, als wir es bislang wahrgenommen hatten, dass beispielsweise das Monochord, das eher im Hintergrund beinahe unterging, durch seine Nähe zum Mikrofon gut und deutlich zu hören war. Für die Teilnehmer war es offensichtlich sehr wichtig und spannend, diese ihre eigene Musik anzuhören.

Dankenswerterweise hatte einer der Teilnehmer sein Notebook in greifbarer Nähe, so dass der Transfer auf eine CD leicht zu erledigen war.

Ich hoffe, dass die CD für die Teilnehmerin ein nachhaltiger Gegenpol zu ihrem Schmerzerleben sein kann und sie daran erinnert, dass sie dem Schmerz nicht hilflos ausgeliefert ist. Sie selbst war sehr dankbar für diese Stunde und dafür, dass sie durch die Gruppe ein Geschenk bekam, indem alle gemeinsam etwas für sie machten, sie die sonst diejenige gewesen ist, die sich selbst aufopferungsvoll um andere kümmerte und sich selbst häufig vergaß und vergessen wurde.

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