Selbst- Stärkung durch Musik

Einige Gedanken zum Thema Selbstvertrauen und deren Komponenten und inwieweit diese durch Musiktherapie gezielt gestärkt werden können.

In den Kliniken, in denen ich arbeite, erlebe ich immer wieder einen Zusammenhang zwischen fehlendem Selbstvertrauen und psychischer Erkrankung, als seien diese häufig eng miteinander verknüpft (Über die Hintergründe und deren Zusammenhang habe ich den einen oder anderen Gedanken, der jedoch die Dimension dieses Eintrags sprengen würde). 

Die Musiktherapie kann m.e. bestimmte Komponenten von Selbstvertrauen stärken. Hierbei orientiere ich mich an entwicklungspsychologischen Erkenntnissen und musik-praktischen Erlebnisfeldern.

In einer Gruppenmusiktherapie erarbeite ich mit den Teilnehmern mit Karteikarten die Begriffe, die mit Selbst zusammenhängen. Häufig wird dabei genannt:

  • Selbstvertrauen
  • Selbstwert
  • Selbstwahrnehmung
  • Selbstwirksamkeit
  • Selbstbild
  • Selbstverwirklichung

Die letzten beiden haben sich aus verschiedenen Gründen mit dem Ziel der Stärkung des Selbstvertrauens als nicht besonders wirksam erwiesen. (Darauf werde ich später noch eingehen) Die 4 erstgenannten Begriffe jedoch scheinen in einem deutlichen Zusammenhang zu stehen.

SELBSTWAHRNEHMUNG

Entwicklungspsychologisch steht an erster Stelle die Erfahrung von Selbstwahrnehmung, als frühe Erfahung eine Selbst, dass sich selbst als Körper wahrnimmt, sich spürt. Bei Menschen mit psychischen Störungen scheint häufig genau diese Wahrnehmung verändert zu sein, manchmal sogar ersetzt durch ein Selbstbild, dem zu entsprechen manche Teilnehmer sehr viel investieren. Es scheint auch einen Zusammenhang zu geben zwischen Angst (oder Anspannung) und fehlender Selbstwahrnehmung – alle Sinne sind beschäftigt mit dem Außen,  mit der Gefahrenabwehr, so dass eine Wahrnehmung des Selbst gar nicht mehr möglich scheint. 
Die Musiktherapie kann hier einen wertvollen Beitrag leisten, indem sie durch athmosphärische Arbeit Angstlösend wirkt, durch vertrauensvolle Bindungserfahrung Sicherheit gibt. Direkt aus die Selbstwahrnehmung jedoch kann der Klang v.a. von auf vibrotaktilen Erlebnissen ausgerichteten Instrumenten wie der Gong, die Klangschale oder verschiedene Monochorde (Körpermonochord, Klangliege, Koto, etc.), aber auch am Körper gehaltene andere Instrumente, die positiv assoziiert sind (Ocean-Drum, Gitarre, Trommel, etc.)  sehr interessante Körpererfahrungen vermitteln. V.a. hinsichtlich eines positiven (mit positiven Erfahrungen – mein Köper tut mir gut)) Körperbilds, scheint diese Übung sehr gut zu wirken. Sie erfahren sich nicht im Außen (im Vergleich mit Andren), sondern spüren sich von innen heraus. Spielen die Teilnehmer selbst, können sie die Dosis dessen, was ihnen gut tut, selbst regulieren.

Konkret lasse ich die Teilnehmer an verschiedenen Instrumenten erfahren, dass Musik nicht nur mit den Ohren gehört wird, sondern ganzkörperlich erfahren wird, manchmal begleitet von dem Beispiel der ertaubten Schlagzeugerin.
Hierbei bot es sich an, zuerst Instrumente zu wählen, bei denen diese Erfahrung mit den Händen gemacht wird, wie z.B. am Holz des Monochords, auf dem Fell einer Trommel und dann erst in die Erfahrung zu gehen, dass man vor dem Gong stehen kann und diesen nicht berühren muss, um seine Vibrationen zu spüren. 

SELBSTWIRKSAMKEIT

Die Erfahrung von Selbstwirksamkeit im Kindesalter stellt Eltern häufig vor besondere Herausforderungen, v.a. in dem Moment wo das Kind Schwerkraft entdeckt… Das wunderbare Spiel des vom Tisch fallenden Löffels, das Giggeln, wenn das Gegenüber den Löffel tatsächlich auch wieder aufhebt und ein erneuter Fall dieses Löffels kann sich über Stunden hinwegziehen und endet allzu häufig mit einem entnervten Abräumen des Esstisches. Die essentielle Erfahrung dahinter jedoch ist auf 2 Ebenen anzusiedeln – einerseits das Erleben, dass das Tun (in diesem Fall das Schieben des Löffels) eine große Wirkung (gerne auch laut, wenn der Löffel mit Scheppern auf dem Boden knallt) hat. Andererseits aber auch die höchst interessante Erfahrung, dass diese Handlung eine Auswirkung auf das Umfeld hat, die einen Handlungsimpuls erhält (Aufheben des Löffels) und (häufig noch viel spannender) eine emotionale Reaktion auslöst (nach wie viel Löffelwürfen wird das Gegenüber ärgerlich?). 

In der Musik ist eben jene Erfahrung von Selbstwirksamkeit auf diesen beiden Ebenen ganz deutlich zu spüren – Ich spiele ein Instrument an und versetze die Welt um mich herum in Schwingung. Diese Schwingung produziert (je nach Schwingungsfähigkeit des Umfelds) eine Reaktion. Ein überraschender Schlag auf den Gong, ein kurzer Impuls auf der Trommel, ein leises Kratzen auf den Saiten der Gitarre, ein langsames genüssliches Ziehen der Nägel auf der Tafel produziert fast unausweichlich eine starke emotionale Reaktion im Gegenüber, ein Zusammenzucken, ein erschrecktes Einatmen, ein Zuhalten der Ohren, etc.

Konkrete Spielidee auf deser Ebene ist das Nacheinander spielen, das musikalische Gespräch, das hier bereits auf einem anderen Beitrag ausführlich besprochen wurde.

SELBSTWERT

Die Arbeit am Selbstwert ist zu diesem Zeitpunkt des Artikels noch Hypothetisch. Grundsätzlich stelle ich mir aber die Stärkung des Selbstwerts über die Akzeptanz des eigenen Tuns und Erlebens und die Stärkung der Erfolgserlebnissse dessen vor. Wege dorthin können m.e. auch über die Musik führen. Voraussetzungen dafür sind realistische eigene Zielsetzungen, die Erfolgserlebnisse ermöglichen, eine eigene Motivation sowie ein gewisses Maß an Selbstdisziplin, die einen Fortschritt erleben lassen.

Inwieweit sich dies mit dem klassisch erlebniszentrierten, im Moment seienden, am Prozess orientierten Musiktherapie-Setting vereinbaren lässt, wage ich zu bezweifeln. Vielleicht braucht es hierfür viel eher ein Setting, das sich am Konzept des Community Music Therapy orientiert, vielleicht ein Band-Charakter hat, in der jeder Teilnehmer eine an seinen Fähigkeiten gemessene unverzichtbare Rolle spielt. Inwieweit sich ein solches Konzept mit dem stationären Behandlungskonzept vereinbaren lässt, wo ständig Patienten entlassen werden und neue hinzukommen, kann ich zu diesem Zeitpunkt nicht beurteilen, vielleicht wäre es hier angebracht, eigene Modelle zu hinterfragen und neues zu probieren.

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Stille

Eine Spielidee, die ich von meiner Praktikantin lernen durfte, zeigte in der Praxis erstaunliche Unterschiede in der Arbeit mit psychiatrischen und psychosomatischen Menschen. Hierbei kommt der personifizierten Stille i.S. einer Person, die nicht spielt eine besondere Rolle zu. (mehr …)

Wie wunderbar alles zusammenhängt…

Eine Spielidee, die im Mikrokosmos den therapeutischen Verlauf darstellen möchte, habe ich heute in meiner Therapie ausprobiert.
Besonders spannend hierbei war für mich die Feststellung, dass die Wahrnehmung der einzelnen Teilnehmer über die musikalische Veränderung sich deckte mit der Erwartungshaltung nach der Therapie – aber doch Eins nach dem Anderen….

 Besonders gegen Ende der Therapie fragen sich viele Teilnehmer, ob sie es schaffen, das während ihres Aufenthalts erlernte in ihren Alltag transferien zu können, oder ob alles beim Alten bleibt.
Um hier hineinzuspüren, zu erleben, ob man dem Neuen eine Chance geben kann, ist diese Spielidee gut geeignet.

Ich lege mir zur Erläuterung der Spielidee immer 3 Sticks zur Seite, mit deren Hilfe ich die Spielidee erläutere.  Stick 1 stellt die vor-stationäre Phase dar, die Zeit vor dem Aufenthalt hier. Dann kommt Stick 2 und liegt an dem Kopf von Stick 1 an um die stationäre Phase darzustellen, der Moment, in dem alle meine Teilnehmer jetzt sind. Stick 3, der gleiche wie Stick 1, stellt die post-stationäre Phase dar, wieder zurück im Alltag, im gleichen beruflichen, familiären, sozialen und örtlichen Umfeld. 
Dieses Bild liegt dann in der Mitte des Raums und bildet eine lange Linie aus 3 aneinander liegenden Sticks. 
Dann erläutere ich den Teilnehmern, dass sie für die vor-stationäre Phase ein Instrument auswählen sollen, für die Zeit ihres Aufenthalts hier ein Anderes (möglichst kontrastreiches) und für die Zeit danach wieder das Erste.
Im Folgenden spielen wir das erste Instrument, benennen dieses Musikstück mit Phase A und korrigieren, wo nötig, so dass jeder einigermaßen zufrieden mit diesem Stück ist.

Mit dem zweiten Instrument verfahren wir genauso, benennen dieses dann Phase B, so dass wir am Ende eine kleine Komposition in der Folge A-B-A haben.

Die Teilnehmer werden nun aufgefordert, während des Spiels von ABA auf verschiedene Dinge zu achten und stets auch an die Möglichkeit des Transfers zu denken (als Sinnbild für ihren Aufenthalt hier, der Zeit davor und danach):

– Wie gestaltete sich der Übergang von Phase A.zu Phase B?
– Wie gestaltete sich der Übergang von Phase B zurück zu Phase A?
(War der Übergang gleichzeitig, oder nacheinander, gab es eine Pause, einen Schnitt?)

– Wie ging es mir im Mittelteil?
(Konnte ich mit dem Kontrast gut umgehen, hatte ich Schwierigkeiten, mich zu lösen?)

– Wie habe ich den letzten Teil erlebt? 
(Anders oder gleich wie den ersten Teil? Wenn anders – in welcher Gestalt?)

Die bewusste Aufmerksamkeit auf den Transfer, auf das Sinnbild zwischen der Musik und dem Alltag führte bislang zu erstaunlichen Parallelen.
So hatten Teilnehmer, die sich von ihrem stationären Aufenthalt nicht viel erhofften und wenig Glauben in eine Veränderung ihrer Situation nach dem therapeutischen Aufenthalt hatten, auch zwischen den beiden Teilen wenig Veränderung wahrgenommen.
Andere wiederum konnten ihre jeweiligen Wünsche und Erwartungen in die Musik projizieren, sei es, Kraft und Stärke zu bekommen, Ruhe, Ordnung, Langsamkeit, etc.
Auffällig wiederum war das Erleben, dass kaum jemand davon ausging, dass sich alles verändere. Die meisten gingen von kleinen Impulsen aus, von Ideen und Anregungen und vor allem inneren Haltungsänderungen zu bestimmten Problemstellungen. 

Insgesamt wurde zurückgemeldet, dass diese Spielidee und die Reflexion dessen einen Beitrag dazu leisten könne, die eigenen Erwartungen und Hoffnungen hinsichtlich des therapeutischen Aufenthalts deutlicher zu sehen und ggf. kritisch zu hinterfragen.